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Januar 1989

Immer mehr Aussiedlerkinder auch an unserer Schule

Da fragen alle mich: Woher kommst?

„Da hat die Lehrerin einen Buben mitgebracht. Den kannte keiner, und der konnte kein Deutsch. Die anderen haben nicht mit ihm gespielt. Sie haben ihn abgeschoben, und er war traurig und einsam.“

 

So klingt das, wenn die Mädchen und Buben der Klasse 5c in der Hauptschule an der Herschelstraße die Lesebuchgeschichte von Mustafa nacherzählen. Für die 23 Kinder ist das nicht nur irgendeine Geschichte. Sie haben in diesem Schuljahr selber schon dreimal erlebt, dass ihre Lehrerin Helga Schäffer ein fremdes Kind mitgebracht hat: Erst kam Thomas, dann Paul und schließlich Evelina; drei von vielen Aussiedlerkindern, die in Ingolstadt in die Schule gehen – und es werden immer mehr.

Auf der Tafel, die Frau Schäffer gerade aufklappt, da wächst ein Kreidebaum mit vielen bunten Blättern. Für jedes Kind in der Klasse eines. „Warum haben die Blätter verschiedene Farben?“ will die Lehrerin wissen. „Vielleicht sind die gelben Blätter für die Aussiedlerkinder, die lilanen für die Kinder, die eine andere Staatsangehörigkeit haben, und die blauen für die deutschen Kinder.“ Simone hat richtig geraten. „Aber ich bin doch auch deutsch“, protestiert da Annemarie, eines der Aussiedlerkinder.

Verwirrend ist das schon, aber die Klasse 5c ist eben ein buntes Häuflein: Sieben ausländische Kinder, zehn Ingolstädter und sieben Aussiedlerkinder. In anderen Ingolstädter Klassenzimmern sieht es ähnlich aus.
Donaukurier vom 17. Jan. 1989 (in Auszügen)

Was geschieht nun mit Kindern, die kaum oder gar nicht Deutsch sprechen?

Da gibt es über die Schulen der Stadt verstreut zunächst so genannte Übergangsklassen. In diesen Klassen erhalten Aussiedlerkinder ohne Deutschkenntnisse ganz gezielt und im großen Umfang Unterricht zum Erlernen der deutschen Sprache. Nach etwa einem Jahr, wenn sie genügend Deutsch können, werden sie in die entsprechende Regelklasse ihrer Schule eingewiesen.

Dort erhalten sie dann meist noch Intensivunterricht in deutscher Sprache, eine weitere Lernhilfe: Während die Klasse normalen Unterricht hat, gehen all die Kinder, die auf Grund ihrer mangelnden Deutschkenntnisse dem Unterricht nur ungenügend folgen können, in einen Spezialunterricht, der bis zu zehn Schulstunden in der Woche umfasst.
Wie an den meisten Schulen ist es auch an unserer Schule die Förderlehrerin, Frau Leipziger, die diesen Intensivkurs betreut.

Mai 1989

Über die Praxis zur Theorie – Konzept für die Schule an der Herschelstraße

Was der Stadtrat heute beschließen wird, dürfte weit reichende Folgen für die kommende Generation eines ganzen Ingolstädter Stadtteils haben: An Stelle des früher geplanten Schulzentrums Nordwest auf der grünen Wiese soll die bestehende Schulanlage an der Herschelstraße  als Hauptschule ausgebaut werden. Doch nicht nur das. An der Herschelstraße solle eine modellhafte Einrichtung nach den pädagogischen Ideen Georg Kerschensteiners (1854-1932) entstehen, das heißt, eine Unterrichtsstätte, die sich ganz auf das praktische Lernen konzentriert. Zusätzlich sind für junge und erwachsene Bürger des Piusviertels eine Stadtteilbücherei und ein Veranstaltungsraum für Theater, Vorträge, Konzerte und Filme im Gespräch.

Der Schüler soll über das handelnde Tun zum abstrakten Denken kommen. Seine Entwicklung führt vom praktischen zum theoretischen Interesse. Ein praxis- und berufsbezogenes Lernen im Sinne der Arbeitschule nach Georg Kerschensteiner verlangt Räumlichkeiten, die dieses Lernen ermöglichen. Dazu gehören Werkstätten für die Bereiche Holz-, Metall- und Textilverarbeitung, eine Küche, Experimentierräume für Physik, Chemie und Biologie, Räume für Kunst und Musik, ein Raum für Hauswirtschaft.

Die Situation der Hauptschüler im Sprengel Herschelstraße  ist im städtischen Vergleich von besonderen sozialen Gegebenheiten geprägt. Der Anteil von Schülern mit berufstätigen und allein erziehenden Elternteilen liegt derzeit bei rund 11 Prozent; bei rund 43 Prozent der Schüler sind beide Elternteile berufstätig. Für einen erheblichen Teil der Schüler bedeutet dies, dass sie am Nachmittag sich selbst überlassen bleiben. Angesichts dieser Entwicklung hat die Hauptschule die Aufgabe, zunehmend auch zu einem Ort der Begegnung und der Betreuung dieser Schüler zu werden.